Siderischer vs. tropischer Tierkreis

Der siderische Tierkreis orientiert sich an den tatsächlichen, physischen Sternbildern am Himmel und bildet das Fundament der Betrachtungsweise innerhalb der vedischen Astrologie. Aber nicht nur in der vedischen Astrologie wird die echte Sternenkarte berücksichtigt, sondern alle fortgeschrittenen Astrologen wissen um den Mehrwert der Fixsterne.

Innerhalb der westlichen Astrologie hat sich hingegen die Arbeit mit dem tropischen Tierkreis bewährt. In diesem System bildet nicht das physische Sternbild die Berechnungsgrundlage, sondern der tropische Tierkreis verankert den Frühlingspunkt im Moment der Tag- und Nachtgleiche – nach Ptolemäus exakt auf 0° Widder.

Als Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert das tropische System standardisierte, fielen der Frühlingsanfang und das physische Sternbild Widder am Firmament deckungsgleich zusammen. Das Problem, das aus heutiger Sicht daraus resultiert, ist das historische Einfrieren des Systems und die Nichtbeachtung der Taumelbewegung der Erde um die eigene Achse.

Zum Verständnis: Der tropische Tierkreis beruft sich ausschließlich auf die Geometrie zwischen Sonne und Erde. Er ist keine Sternenkarte, sondern ein Sonnenkalender.
Wenn der westliche Astrologe heutzutage davon spricht, dass die Sonne auf 0° Widder steht, meint er in der physischen Realität nicht: „Die Sonne steht vor der Sternengruppe, die so aussieht wie ein Widder.“ Er meint stattdessen: „Die Sonne hat exakt den Punkt erreicht, an dem auf der Nordhalbkugel der Frühling beginnt.“

Die Namen der Sternbilder (Widder, Stier, Zwillinge etc.) wurden in der westlichen Astrologie einfach als traditionelle Etiketten für diese etwa 30-tägigen Abschnitte der Jahreszeiten beibehalten, obwohl sie sich schon längst von den physischen Sternbildern abgelöst haben.

Warum sprechen wir von Zeitaltern oder Äonen?

Die Erde dreht sich nicht starr um die eigene Achse, sondern taumelt wie ein langsam werdender Kreisel. Diese langsame Kreisbewegung nennt man Präzession. Für eine komplette Taumeldrehung braucht die Erde 25.800 Jahre, was wiederum als Platonisches Jahr bezeichnet wird. Durch diese Taumelbewegung verschiebt sich die Perspektive – konkret der Frühlingspunkt -, die wir von der Erde auf den physischen Sternenhimmel haben, um etwa 1° alle 72 Jahre rückwärts.

Anders gesagt: Da Ptolemäus den Frühlingspunkt im 2. Jahrhundert auf 0° Widder definierte, lag er 720 Jahre später auf etwa 20° Fische. Auf die heutige Zeit übertragen geht man davon aus, dass der Ingress des Frühlingspunktes in den Wassermann in einem Zeitraum zwischen 1960 und 2150 oder sogar darüber hinaus stattfindet. Der Zeitraum ist vage gehalten, weil es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wo die Grenze im siderischen Tierkreis gezogen werden sollte.

Die Makro- und Mikro-Ebene innerhalb der Astrologie

Während der siderische Tierkreis der echte Himmel ist, fungiert der tropische Tierkreis architektonisch wie das Häusersystem – nur auf einer größeren Zeitskala.

Ich versuche meine Gedanken zu verdeutlichen:

  • Die astronomische Ursache des Häuserkreises ist die Erdrotation um ihre eigene Achse innerhalb von 24 Stunden.

  • Die astronomische Ursache des tropischen Tierkreises ist der Umlauf der Erde um die Sonne innerhalb von 365 Tagen.

  • Der Startpunkt ist im Häuserkreis der Aszendent, der Schnittpunkt von Sonnenbahn und östlichem Horizont.

  • Der Startpunkt des tropischen Tierkreises ist der Frühlingspunkt, der Schnittpunkt von Sonnenbahn und Himmelsäquator.

  • Die Bedeutung des Startpunktes ist zum einen „Hier steigt die Sonne für den Tag auf“, und zum anderen „Hier steigt die Sonne für das Jahr auf“.

  • Unterteilt wird jeweils in 12 Bereiche: die 12 Häuser der klassischen Astrologie (veranschaulicht: Tageshäuser) und die 12 tropischen 30°-Abschnitte, welche die 12 Häuser der Erde auf ihrer Reise um die Sonne abbilden und – der Tradition entsprechend – die Namen der Sternbilder tragen (veranschaulicht: Jahreshäuser oder Sonnenhäuser).

Die Frage, die sich stellt: Bewährt es sich, den siderischen Tierkreis ebenfalls in 30°-Abschnitte zu unterteilen und den Frühlingspunkt innerhalb der sich ergebenden „kosmischen Häuser“ in einem größeren Zusammenhang zu deuten?
Die tatsächlichen siderischen Sternbilder strecken sich über sehr unterschiedliche Bereiche am Himmel. Beispielsweise dehnt sich das Sternbild Fische etwa 38° auf der Sonnenbahn aus, während der Wassermann nur 24° beansprucht.

Was außer Frage steht: Innerhalb der Mundanastrologie stellt die Wanderung des Frühlingspunktes über die Fixsterne die Königsdisziplin dar. Diese Zeitpunkte markieren historisch gesehen oft gewaltige Paradigmenwechsel.
Der Übergang des astronomischen Frühlingspunktes in das „Wassermann-Zeitalter“ sollte demzufolge nicht nur danach bewertet werden, wann genau die fiktive Grenze zum Wassermann überschritten wird. Entscheidend ist vor allem, wann der Frühlingspunkt die ersten signifikanten Hauptsterne des realen Wassermann-Sternbildes erreicht.

Da sich diese astronomischen Auslösungen präzise messen lassen, wissen wir: Um das Jahr 2045 wird der Fixstern Scheat aus dem Sternbild Pegasus im siderischen Tierkreis auf ca. 5° 30′ Fische in Konjunktion mit dem Frühlingspunkt stehen.